Mikrofragmentiertes Fettgewebe: Ein neuer Ansatz bei Knorpelverschleiß

Arcangelo Russo, Francesca De Caro, Vincenzo Condello, Marco Collarile, Vincenzo Madonna · Lo Scalpello · 2019

Fettgewebe enthält Millionen mehr regenerative Zellen als Knochenmark

Wenn der Knorpel in Ihren Gelenken verschleißt, kann es schwierig sein, wirksame Behandlungen zu finden. Diese italienische Übersichtsarbeit untersucht, warum mikrofragmentiertes Fettgewebe (speziell aufbereitetes Fett aus Ihrem eigenen Körper) zu einer vielversprechenden Option bei degenerativen Knorpelerkrankungen geworden ist.

Die Forscher fanden heraus, dass Fettgewebe weit mehr regenerative Zellen enthält als Knochenmark. Aus nur 300 cc entnommenem Fett (etwa eineinviertel Tassen) können Ärzte zwischen zehn Millionen und 600 Millionen aus Fettgewebe gewonnene Stammzellen erhalten. Noch ermutigender: Diese Zellen bleiben im Fettgewebe auch nach dem 70. Lebensjahr reichlich vorhanden – anders als Knochenmarkzellen, die mit dem Alter deutlich abnehmen.

Zellen in ihrer natürlichen „Umgebung" zu belassen verbessert das Heilungspotenzial

Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Übersichtsarbeit betrifft die optimale Wirkungsweise regenerativer Zellen. Wissenschaftler entdeckten, dass Stammzellen einen Großteil ihrer Heilungsfähigkeit verlieren, wenn sie aus ihrer natürlichen Umgebung entfernt werden. Die Lösung? Die Zellen innerhalb ihrer unterstützenden Gewebestruktur belassen.

Professor Arnold Caplan, ein führender Forscher, hat die Funktion dieser Zellen neu definiert. Anstatt sich einfach in neues Gewebe umzuwandeln, wirken sie als „medizinische Signalzellen". Das bedeutet, sie helfen bei der Regulierung von Entzündungen und koordinieren Heilungsprozesse. Sie arbeiten am besten, wenn ihr umgebendes zelluläres Netzwerk intakt bleibt.

Lipogems® erhält die entscheidende Zellnetzwerk-Struktur

Das Lipogems®-System verarbeitet Fettgewebe ausschließlich mit mechanischen Methoden. Es verwendet keine Enzyme, Chemikalien oder Zentrifugen. Dieser schonende Ansatz hält die wichtige perivaskuläre Nische (die unterstützende Struktur um die Blutgefäße) intakt und aktiv.

Studien zu Lipogems®-Gewebe zeigen, dass sich die Zellen zu Knochenzellen, Blutgefäßzellen und Knorpelzellen entwickeln können. Perizyten (Helferzellen, die die Blutgefäßheilung unterstützen) bleiben in hohem Maße vorhanden und funktionsfähig. Diese Perizyten dienen als Vorläufer von Stammzellen und helfen dabei, die Körperreaktion in Richtung Reparatur und Regeneration zu lenken – anstatt in Richtung anhaltender Entzündung.

Einfaches Verfahren in einer einzigen Sitzung abgeschlossen

Die Behandlung folgt einem unkomplizierten Ablauf:

  • Vorbereitung: Der Arzt injiziert eine Betäubungslösung in den Fettgewebebereich, typischerweise Bauch oder Oberschenkel

  • Entnahme: Nach zwölf Minuten werden etwa 60 cc Fettgewebe pro zu behandelndem Gelenk entnommen

  • Aufbereitung: Das Fett durchläuft das Lipogems®-Gerät, das es sanft in kleinere Stücke zerteilt und dabei Öle und Blut auswäscht

  • Injektion: Das aufbereitete Gewebe wird anschließend in das betroffene Gelenk injiziert

Die gesamte Aufbereitung dauert nur wenige Minuten und erfolgt während eines einzigen Eingriffs. Das System entspricht den italienischen regulatorischen Anforderungen und hat die Zulassung des Nationalen Transplantationszentrums erhalten.

Derzeitige Behandlungen bei Knorpelverschleiß haben erhebliche Einschränkungen

Die Übersichtsarbeit stellt fest, dass Arthrose mehr als die Hälfte der Bevölkerung betrifft und Schmerzen sowie Funktionseinschränkungen verursacht. Traditionelle chirurgische Ansätze bei ausgedehnten Knorpelschäden haben enttäuschende Ergebnisse gezeigt. Einige aggressive Knorpelbehandlungen sind schwer gescheitert und ließen den Gelenkersatz als einzige verbleibende Option zurück.

Dies hat dazu geführt, dass Ärzte weniger invasive Ansätze bevorzugen. Das Leitprinzip lautet „primum non nocere" – zuerst keinen Schaden anrichten. Injektionsbehandlungen mit körpereigenem Gewebe bieten eine schonendere Alternative, die zukünftige Behandlungsoptionen bei Bedarf offenhält.

Weitere Forschung erforderlich, um echte Regeneration zu bestätigen

Die Autoren räumen ein, dass eine wichtige Frage offen bleibt: Kann diese Injektionsmethode wirklich als „regenerativ" betrachtet werden? Während biologische Studien vielversprechende zelluläre Aktivität zeigen, betonen die Forscher die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen.

Bei jüngeren Patienten mit Knorpelverschleiß, aber ohne eindeutige Arthrosezeichen, ist das Ziel, den Schädigungstrend umzukehren. Bei Patienten mit fortgeschrittener oder irreversibler Gelenkerkrankung kann die Behandlung eher als vorübergehender Modulator der Gelenkzustände dienen denn als dauerhafte Lösung. In jedem Fall minimiert die Verwendung von körpereigenem Gewebe Abstoßungsrisiken und vermeidet die Komplikationen von Fremdmaterialien.

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Quelle: Russo et al., Lo Scalpello, 2019.

Originalpublikation

Il trattamento delle condropatie degenerative con tessuto adiposo autologo microframmentato

Arcangelo Russo, Francesca De Caro, Vincenzo Condello, Marco Collarile, Vincenzo Madonna · Lo Scalpello · 2019

Osteoarthritis is a widespread pathology, with a prevalence of over 50% of the population, which leads to pain and functional limitation. At the moment, no surgical technique has been shown to be capable of real regeneration of the chondral layer. The new regenerative frontier seems to be represented by the self-ability of the Stromal Vascular Fraction (SVF) to preserve the cellular network, which is essential for cell regeneration. Several micro-fragmented adipose tissue extraction and processing systems have been refined in the past years and recent literature data show the biological effectiveness of this tissue, which plays a key role in restoring joint homeostasis, through the modulation of inflammation and pain. It will be necessary and important to understand whether this injective method can really be considered a 'regenerative' option.

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